Aufmerksamkeit und beobachtungen

Es hätte ein Tee sein sollen,

so wie es 7:41 Uhr hätte sein sollen. Nun sitze ich um 7:41 nirgendwo im irgendwo wo Städtchen wie Silberschmuck stehlende, schwarz-weiße Shapeshifter heißen (Elsterwerda). Neben dem hübschen tiefschwarzen English Breakfast-Packerl riecht es aber seltsam streng aus dem dampfenden Becher. Und heißes Wasser riecht ja normalerweise nicht nach billigem Löskaffee. 

Wie dem auch sei, nirgendwo ist Verspätung oder das falsche Getränk egaler als in einem Nachtzug. Hätte ich auf wahren Komfort gehofft und den Nachtzug gebucht, hätte mensch mir sowieso nahelegen sollen, an meiner Erwartungshaltung zu arbeiten.

Arbeiten,

das müssen heute die Menschen aus Elsterwerda und ich hoffe mein doofer Fun-Train hielt sie nicht vom pendeln ab. 

Eine Stunde später als gedacht Pendel ich mit: M10 nach Warschauer Straße heißt das heiße Eisen, dass mich ganze zwei Stationen weiter vor der BND Zentrale wieder ausspuckt. Davor könnte man eigentlich auch warnen in einer Café-Beschreibung. Naja, schau ich halt einer baden-württembergischen CDU-Gruppe (oder was auch immer für Greisen Staatsultrafans) halt zu, wie sie sich in Hardshells in das Museum eines in Teilen gesichert versagenden Behördenarmes begeben. Naja, wenn man sonst keine Ziele mehr im Leben hat. 

Der decaf Espresso schmeckt übrigens wirklich nach reifen Feigen und Nuss, so wie es die recht ominös gehaltene Verpackung verspricht. Der Minztee schmeckt nach Minze. Ich blinzle auf den Bildschirm, damit ich erlinse wo ich als Nächstes hingeh. 

Drei Gedenkstätten der Berliner Teilung und einen alten Hydranten später, steh ich ich im in einem orangen Minimalismusangriff auf die Specialty-Coffee-Ketten. Ich glaub, die Locals, die hier ja oft besonders unlocal sind, nehmen den Ort genauso wenig war, wie die rostbraunen Stahlsäulen an Stelle der ehemaligen Mauer, das Roggenfeld, das mit einem Objektiv falsifizierbaren und ergo falschen Spruch sich selbst zum Symbol des Friedens überhöht und die mahnenden Worte auf den Informationstafeln. 

Alltag heißt ignorieren,

ob einer jetzt will oder nicht. Ein Mahnmal kann die nicht mahnen, die auf dem Arbeitsweg zweieinhalb mal täglich ihm begegnen. Ein Coffeeshop kann sich selbst überhöhen als Roggenfeld der Spitzenqualität, für den Laptop-Arbeitsmeeting-Berliner bleibt das Roggenfeld aber eine Wiese. Aufmerksamkeit. 

Aufmerksam schlürfe ich den Kaffee, welcher mir empfohlen mit den Worten: „Yeah that’s my favorite, it’s like a Guiness.“ Ich mag kein Guiness. Ich mochte doch den Kaffee. In diesem herbsüßen Gebräu wurde die frische Saftigkeit der Kirsche erhalten, leichte Lilie im Aroma. Die Programmierer und Hobby-Kaffee-Philosophen am Nebentisch erwägen irgendwann selbst zu rösten. I guess wenn die AI ihre Jobs gefressen haben wird.

Ich kaufe außergewöhnliche Bohnen und gehe.

Eine Stunde später spaziere ich an einem zweiten dieser riesigen, waldgrünen Antiquitätshydranten vorbei und der Volkspark schenkt mir auch eine Krokuswiese als einziges Anzeichen, dass es sich bei diesem heute nicht um einen extrem milden Novembertag handelt. 

Ich kehre ein, da wo alles lila ist und nichts ist mehr orange. Warum Single Origins Vogelnamen haben und nicht einfach ihren eigenen muss ich nicht ganz verstehen. Dass hier auf einmal alles 20% günstiger ist als in Wien erschließt sich mir auch nicht, aber für die Berliner:innen tut es mich wohl freuen. Trotz zwei Espressi habe ich nur wenig Zeit für mein Buch. 

Das Hollundercroissant schmeckt wie genau dasselbe, eingekaufte Produkt wie in manchen Wiener Cafés. Die Sonne scheint trotzdem durch das Riesenfenster. Nicht nur die Elsterwerdaraner und die Warschauer Straßerinnen arbeiten heute, ein, zwei Nachrichten und Mails waren leider drinnen in meiner Kaffeetourvormittagsmischung.  Alles Liebe, alles Gute wünsch ich euch und trinkt genug Wasser und Decaf. 

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Angenehmes Wichtig-getue!